„Herr, erbarme dich“

Danke, Wolfgang

Auch ein charakterlich völlig konträrer Freund kann auf seine Art zur Heilung beitragen wollen. Beispielsweise durch sein Erbitten des (päpstlichen) Segens.

Wolfgang, während ich „chemotherapierte“ warst Du gleichfalls auf dem Gelände der Charité aktiv, allerdings tätig als Chef der Techniker oder „Chief of hohe Baukunst“ oder ähnlich Erfreuliches. Wie auch immer, vorbildlich jedenfalls. Zumindest Du hast was richtig Ordentliches gemacht, damals, aus unserem harten Elite-Studium an der Technikerschule Berlin.

Ich gründete lieber eine Firma, bereits in dieser Zeit, und fuhr Rennen, obgleich ich mir letztlich auch offiziell den Titel anhängen darf:

Staatlich geprüfter Techniker

Zurück ins heute: Dein Können jedenfalls war für das neue Forschungszentrum der Charité schwer gefragt. In den Mittagspausen kamst Du ab und an kurz, für ein paar Aufheiterungen, locker vorbeigefedert, besuchtest mich spontan am Krankenbett.

Heiliger Geist

Irgendwann gab es Urlaub, dass hieß für Dich auf nach Rom. Deine Verabschiedung:

„Ich werde für Dich dort in der Kapelle eine Kerze anzünden und ein Gebet sprechen, Thomas.“

In unserer langen Freundschaft war immer klar, dass wir die Welt ganz verschieden sehen bzw. verstehen. Gleichwohl konnte – und kann – ich von Herzen gerne annehmen, welch guten Willen Du, als tief gläubiger Christ, mir damit für meine Heilung schenken mochtest.

Ich hoffe nur, dass das Weihwasser nicht gleich verdampfte und man Dir nicht sofort die Tür des Vatikans vor der Nase zuschlug, als Du meinen Namen nanntest…

thanks4help

Französische Seife

Danke, Station 61 - stellv.: Christian

Tonsillenkarzinom – Radio- / Chemotherapie ohne Ernährungssonde. Ärzte warnten ausdrücklich vor dem Risiko, letztlich zu verhungern.

Aus klinischen Erfahrung ist genauestens bekannt, wie stark Schleimhäute im Hals durch Bestrahlungen verbrennen. In der Regel wird erwarten, dass ein Patient nach ca. einem Dutzend Bestrahlungen nicht mehr essen kann. Extrem verschärft sich die Belastung, wenn die Therapie mit einer Chemo kombiniert ist.

CHRISTIAN*, Sie sind Pfleger in der „härtesten“ Stationen der Charité: Chemo-Station 61.

Eigensinn
Für mich waren 30 Bestrahlungen angesetzt und 2 Chemo-Zyklen. Und, ich schoss unkalkulierbar quer, ließ keine (!) Ernährungssonde vorsorglich durch „mein Sonnengeflecht“ im Oberbauch legen, um dauerhaft künstlich ernährt werden zu können. Nur Oberarzt Dr. BAKDASHKIH ging meine risikoreiche Entscheidung letztlich mit.

Alles Seife!
Was es allerdings noch brauchte, dass war besonders bekömmliches Essen. Denn Wurst, Käse etc., insbesondere zum Abendbrot gereicht, waren völlig ungeeignet, kaum zu schlucken, weil brutal scharf. Selbst eine sonst so nette Banane entfaltet unter Chemo eine völlig andere Qualität. Der Fruchtzucker wird plötzlich zum schmerzlichen Feind. Und alles, selbst Wasser, schmeckt unter Chemo, bei zerstörten Speichel- bzw. Geschmacksknospen, schrecklich nach Seife.

Da konnte auch der humorvolle Gedanke einer lieben Freundin nur wenig trösten:

„…ich hoffe, es schmeckt zumindest nach französischer Seife“

Es brauchte daher schlicht eine sehr praktische, individuelle Lösung von einem engagierten Pflegepersonal, neben den standardisierten Klinikroutinen.

Du hast mir fast täglich ein überzähliges Mittagessen reserviert, insbesondere wenn Kartoffeln, Ei oder Spinat für Euren „Gourmet“ angerichtet waren. Denn diese Zutaten hielten lange Zeit ihren natürlichen Geschmack bei und waren, von der Konsistenz und dem Säuregehalt her, erstaunlich neutral verträglich. Mein neues Lieblingsmenu wurde mir Abends fürsorglich per Mirkowelle nochmals leicht erwärmt.

Dass ich oft erst kurz vor Mitternacht aufgegessen hatte, lag weniger am gründlichen kauen…

…man war das ne‘ Qual.

Aber ich wollte es ja so.

Zusätzliche „Ehrenrunde“
Später, schon wieder entlassen, klappte ich körperlich total zusammen, zeitverzögert trafen die Nachwirkungen aus der Chemo äußerst brutal ein. Zwei Tage danach schlug ich für eine weiter Aufbauwoche freiwillig bei Euch auf. Nix ging mehr, nicht mal mehr ein Schluck trinken konnte ich. Es drohte das Verdursten und ich musste dann doch künstlich Ernährt werden. Diese erfolgte dann über eine leichte Magensonde durch die Nase, so dass das Nervenzentrum im Oberbauch auch diesmal unberührt blieb. JA, sehr gewöhnungsbedürftig, aber ein für mich gut akzeptabler Weg.

Kleiner Vorteil: das Geschmackszentrum wurde übersprungen. Der energiereiche, laktosefreie Spezialbrei in Tüten wurde einfach in den Körper, per Tropfständer, eingeflösst. Nun ohne Seifenaroma!

Mit dem langen Schlauch aus der Nase baumelnd, lief ich danach noch wochenlang durch die Stadt…

thanks4help

PS: *stellvertretend über CHRISTIAN sind hier auch die weiteren Schwestern und Pfleger dankend angesprochen!

Möchten Sie ‚drüber reden?

Danke, Dipl.-Psych. Carola Rother

Zur seelischen Stabilisierung kann eine psychologische Stärkung sehr helfen!

Berlin Charité Chemostation – Auf den Visiten wird das Ärzteteam von einer Psychologin begleitet. Sie beobachteten dabei dezent die Gemütsverfassung der Patienten, um ihnen gegebenenfalls Hilfe anzubieten.

CAROLA ROTHER, in der Zeit meiner brutalen Krebs-Chemobehandlung therapierte ich (nicht wirklich freiwillig), auf der Hardcore-Station 61. Offen zugegeben, dort kotzte, litt und Weiterlesen